Finanzminister im Wind – Was interessiert Scholz sein Geschwätz von gestern?

Es war einmal ein Bundesfinanzminister, der nach dem Rücktritt der Parteivorsitzenden Nahles vehement verkündete, keine Kandidatur für die vakante Stelle in Erwägung zu ziehen. Denn eine solche Doppelbelastung sei zeitlich überhaupt nicht zu stemmen. Anscheinend hat jedoch eine gute Fee die Lösung gefunden! Denn anders lässt sich Olaf Scholz‘ Kehrtwende um 180 Grad aktuell nicht erklären.



Der Glaubwürdigkeitskonflikt

Sicher haben Sie mitbekommen, was seit dem Auftritt bei Anne Will in den sozialen Medien und in der Presse los war. Vom „Wendehals“ Scholz ist die Rede, der sein Fähnchen nach dem Wind richtet. Wie es dazu kommt, ist eigentlich ganz logisch: Wir Menschen versuchen, in unseren Meinungen, in unserer inneren Einstellung konsistent zu bleiben. Kein Wunder – schließlich ist es energetisch viel einfacher, an dem festzuhalten, was man sich einmal zusammengebaut habe. Wir streben nach Konsistenz. Wenn jemand einen Werte- oder Meinungswandel vollzieht, hat er daher ein dickes Brett zu bohren, um diese Veränderung glaubwürdig darzulegen. Hier braucht es gute Formulierungen und vor allem Durchhaltevermögen, um andere davon zu überzeugen, dass sich die Meinung geändert hat.

Besonders wichtig: Bei vielen Menschen kommt an dieser Stelle der Begriff „Glaubwürdigkeit“ ins Spiel. Scholz stellte heraus, dass er sich der SPD gegenüber verpflichtet fühlt und in der aktuellen Situation gar nicht anders kann, als für den Vorsitz zu kandidieren, um die Partei aus der Krise zu führen. Sehr ehrenhaft, keine Frage. Allerdings hat sich unsere Zeitmessung bisher nicht verändert. Ein Tag hat immer noch 24 Stunden. Und mit seiner rhetorisch ungünstigen vorherigen Formulierung „Ich habe keine Zeit für Beides“ hat sich Scholz definitiv keinen Gefallen getan. Mit einem „Ich weiß nicht genau, wie ich das schaffen soll …“ hätte er sich zumindest eine Hintertür offengehalten, die jetzt sehr hilfreich wäre.

Das rät der Konfliktnavigator

Wir alle geraten in Konflikte, in denen wir gegebenenfalls von unserem Standpunkt abrücken (müssen). Anders lassen sich Debatten nicht lösen. Denn das grundlegende Element eines Streitgesprächs ist die Bereitschaft, die eigene Meinung zu überdenken und einen Schritt auf unser Gegenüber zuzumachen. Damit wir uns klar verstehen: Das hat weder etwas mit „Niederlage“ noch mit „Aufgeben“ oder „Einknicken“ zu tun. Den anderen dafür verhöhnen, dass er plötzlich seine Meinung ändert? Keine gute Idee. Das ist auch eine Frage des Respekts. Ich respektiere Menschen, egal welche Meinungen, Eigenheiten oder Besonderheiten sie haben. Und das gebietet mir, mein andersdenkendes Gegenüber weder zu beschimpfen noch zu verhöhnen. Selbst dann nicht, wenn ich seine Ansichten absolut nicht teilen kann, Stichwort Präsident Bolsonaro und sein Verständnis des Amazonas als „Rohstoff“. Was Sie stattdessen tun sollten: Ihrem Konfliktpartner auf charmante Weise ermöglichen und ihm auch Unterstützung dabei bieten, eine Veränderung und damit ein Nachgeben in sein System zu integrieren, ohne dass alles zusammenbricht. So wahren alle Beteiligten ihr Gesicht – und die Debatte ist vom Tisch.

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