Ein beinahe tödliches Unglück. Ein flaues Bauchgefühl. Eine spontane Entscheidung, länger bei der Familie zu bleiben – und plötzlich entgeht man knapp der Katastrophe. Was dann folgt, ist fast schon klassisch: „Ein höheres Wesen hat mit mir noch etwas vor.“ Aber stimmt das – oder spielt uns unser Verstand einen erzählerischen Streich?
Der Wunsch nach Sinn – besonders im Ausnahmezustand
Zugunglück in Baden-Württemberg. Menschen verletzt. Ein Mann postet auf Social Media, dass er nur aufgrund einer „Eingebung“ nicht im Zug saß – und daraus folgert, dass das Universum wohl Großes mit ihm vorhabe. Er wolle jetzt „seine Aufgabe noch intensiver verfolgen“.
Ein verständlicher Reflex. Der Mensch liebt Geschichten. Und Sinn. Und vor allem: den roten Faden im Rückblick. Wer knapp dem Tod entkommt, möchte nicht einfach „nur Glück gehabt“ sagen. Das ist zu beliebig. Zu kalt. Zu chaotisch.
Aber genau hier beginnt das Problem: Aus Zufall wird Bedeutung. Aus einem Kausalitätsloch wird eine spirituelle Karriere.
Korrelation ist nicht Kausalität – aber emotional ist sie verführerisch
Nur weil zwei Dinge zeitlich zusammenfallen – Bauchgefühl → Nicht im Zug → Überlebt –, heißt das nicht, dass sie auch ursächlich zusammenhängen. Aber genau diese Verwechslung zwischen Korrelation und Kausalität ist ein Dauerbrenner menschlicher Denkmuster.
Das Problem: c“ Klingt poetisch – ist aber oft der Einstieg in eine selbstgemachte Erwartungsfalle.
Von der Ausnahme zur Bewegung: Wenn aus Zufall Energie wird
Und dennoch – es gibt auch die andere Seite: Momente, in denen aus einem kleinen Ereignis eine große Bewegung wächst. Der Unterschied? Nicht das „Warum“, sondern das „Was machen wir daraus?“.
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1955, Montgomery: Rosa Parks weigert sich, ihren Sitzplatz zu räumen. Was ein stiller Protest war, wird zum Auslöser eines Busboykotts – und zur Initialzündung der US-Bürgerrechtsbewegung.
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1969, New York, Stonewall Inn: Ein brutaler Polizeieinsatz gegen queere Menschen löst eine Rebellion aus. Heute erinnern Pride Paraden weltweit daran.
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2019, Chile: Eine Fahrpreiserhöhung von umgerechnet vier Cent führt zu wochenlangen Protesten gegen soziale Ungleichheit.
Was hier geschah, war keine göttliche Intervention, sondern kollektive Energie. Die Leute sagten: „Bis hierher – und nicht weiter.“
Zwischen Pathos und Pragmatismus
Zurück zum Mann mit dem Zugticket. Seine Schlussfolgerung ist ein schönes Narrativ, das ihm Kraft gibt – und das ist okay. Aber: Der Fehler beginnt, wenn daraus ein objektives „Ich bin auserwählt“ wird.
Wer Glück hatte, hat Glück gehabt. Wer daraus etwas machen will – umso besser. Aber es braucht keine „Mission“ aus dem Jenseits. Es reicht der ganz irdische Wunsch, das Leben sinnvoll zu gestalten.
Fazit: Dein Leben ist kein göttlicher Escape Room
Ein knapp verpasstes Unglück ist kein Vertrag mit dem Himmel. Es ist eine Erinnerung daran, dass wir keine Kontrolle über alles haben – aber sehr wohl über das, was wir daraus machen.
Du brauchst keine kosmische Berufung, um dein Ding zu machen. Du brauchst Klarheit, Haltung und den Mut, auch ohne höhere Bedeutung loszulegen.
Und noch etwas: Es muss gar nicht immer der große Auftrag sein. Auch ein vermeintlich gewöhnliches Leben – mit Familie, Job, Freundschaften, kleinen Momenten der Achtsamkeit – kann voller Sinn und Erfüllung sein. Ganz ohne göttlichen Fingerzeig. Einfach, weil es deins ist. Und weil du dich darin wiederfindest.
Nächster Halt: Realität. Und vielleicht eine gute Entscheidung.
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Christoph Maria Michalski
Experte bei Sat1 Frühstücksfernsehen und ARD-BRISANT
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Diplom-Rhythmiklehrer
Diplom-Pädagoge Erwachsenenbildung und
MSc in IKT-Management
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