Homeoffice ist auch nur ein neuer Job!

In meinem Berufsleben waren das Auftauchen des Handys und Navigationsgerätes für mich größere Einschnitte als die Heimarbeit.

Das war damals Stress pur: Auf der Autobahn unterwegs zu sein und im Stau zu stehen, ohne seinen Gesprächspartner darüber informieren zu können. Vielleicht noch an einer Tankstelle eine Telefonzelle suchen, um dann zu entdecken, dass man nicht die passenden Münzen dabei hatte. Auch durch die Autobahnkreuze des Ruhrgebietes zu irren, den Tankstellen-Atlas auf den Knien und die blitzartige Erkenntnis: Da hätte ich auf die A 45 abbiegen müssen!

Ich werde kurz die Schalen des neuen Orbits skizzieren, einige Tipps geben und dann auf die Besonderheiten im Konfliktumgang eingehen.

Die erste Umlaufbahn…

bin ich. Dabei lautet die entscheidende Frage „Warum gehe ich ins Homeoffice-Zwang oder Wunsch?“. Eine schonungslose Selbstanalyse anhand einer Tabelle mit zum Beispiel den Überschriften „dafür/dagegen“, Vorteil/Nachteil, Gewinn/Verlust“ geben mir eine Orientierung, mit der ich mich positionieren kann. Diese Selbstanalyse kann auch, sollte auch, in den emotionalen Bereich gehen: Welche Hoffnungen sind damit verbunden, welche Ängste und Sehnsüchte?

Die zweite Umlaufbahn…

ist die Arbeit und deren Rahmenbedingungen. Hier gibt es die 3 Segmente:

  1. Verträge und Vereinbarungen mit dem Arbeitgeber über zum Beispiel Kostenübernahme, Datenschutz, Arbeitsschutz, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Haftpflicht, Nutzungsgarantie, Zeiterfassung und so weiter.
  2. Technik: PC oder Laptop , Webkamera, Mikrofon und Ohrhörer, Bandbreite und spezielle Software und Schutz der Computer.
  3. Für mich als Konfliktnavigator ist das dritte Segment entscheidender: Wie wir anders miteinander kommunizieren und uns doch verstehen?

Eine neue Qualität entsteht!

Ich war vor einigen Wochen bei einem Weinabend über ein online-Konferenzsystem eingeladen. 6 Personen, alle miteinander unbekannt, selbst organisierter Wein und eine charmante gastgebende Person. Keine vorgegebene Struktur, sondern ein vorsichtiges, höfliches und umsichtiges miteinander in Kontakt kommen. Nach den 3 Stunden hatte ich mehr preisgegeben und mich wohler gefühlt, als wenn dieses Treffen live in einem Restaurant oder einer Bierstube stattgefunden hätte. Ein absoluter Gewinn durch die online Variante. Ein wunderbarer Nebeneffekt war, dass ich nach Ende der „Konferenz“ gleich zu Hause war und so den Abend ausklingen lassen konnte.

Die dritte Umlaufbahn…

ist das soziale Umfeld inklusive der Familie. Wo in der gemeinsamen Wohnung ist der Arbeitsplatz? Wie wird mit Störungen und jederzeit der Erreichbarkeit umgegangen? Wie wird Familie und Arbeit voneinander abgegrenzt? Hier ist der wichtigste Punkt, wie sich in einer intimen Partnerschaft das gegenseitige Rollenverständnis verschiebt, sogar neu definiert wird.

Wo ist das „Homeoffice-boarding“ System?

Zurück zu meiner provokanten Aussage, dass Homeoffice nur wie ein neuer Job sei. Auf jeden Fall würde ein „Homeoffice-boarding“ System diese neue Form der Arbeit reibungsfreier gestalten. Klartext: Wenn eine Personalabteilung 9 Monate nach dem Beginn der Pandemie kein System der Einführung von Homeoffice als Prozess niedergelegt hat, dann ist das kein Ärgernis, sondern ein nicht zu entschuldigendes Versäumnis. Vieles ist ähnlich und übertragbar zu gestalten. Natürlich gibt es Unterschiede und Besonderheiten, auf die Rücksicht genommen werden muss und der Schub, den die Digitalisierung hat, vervielfacht die Wucht.

Es ist ein anderes Werkzeug für die gleiche Arbeit. Ich habe in meiner Jugend den „Franzosen“ kennengelernt- ein verstellbarer Schraubenschlüssel mit beidseitigem Maul. Ein Multifunktionswerkzeug, das heute kaum noch bekannt ist. Es wurde abgelöst von 265-teiligen  Knarrenkästen und raffiniertem neuen Werkzeug. Bei deren Einführung hat nie jemand einen derartigen Hype verursacht, weil es geht dort in erster Linie um Zusammenbauen, Auseinandernehmen und in die Gänge bekommen. Bevor ich mich aber zu sehr aufrege, komme ich auf die Konfliktpotentiale zurück.

Konflikt-Tipps

Der Selbstkonflikt in der ersten Umlaufbahn ist der innere Konflikt, wie ich mit der Umstellung, der Ungewissheit und den anfänglichen Reibungsverlusten umgehe. Ausgiebige Selbstgespräche und Ergebnissicherung mit Protokoll, verwoben mit Kontemplation, auch neudeutsch Chillen genannt, lassen meine Einstellung im Umgang damit reifen.

Die zweite Umlaufbahn mit den Arbeits –und Rahmenbedingungen, lässt sich mit klaren Vorgaben, Verhandlungskultur und gegenseitiger Kompromissbereitschaft bewerkstelligen. Das Miteinander ist kreativer zu gestalten, da Teamevents, Weihnachtsfeiern nicht zu hundert Prozent durch Digitales substituiert werden können. Hier gibt es mittlerweile viele Beispiele, wie ein gewisser Prozentsatz von fehlender Nähe durch neue Formate ersetzt werden kann.

Im sozialen Umfeld der dritten Umlaufbahn geben Familienkonferenzen, klare Absprachen im Familienkreise und das angesprochene neue Austarieren der Beziehung die notwendige Sicherheit.

Lässigkeit und Nachlässigkeit

Zum Schluss werfe ich noch 2 Begriffe in die Runde: Lässigkeit und Nachlässigkeit. Auf der einen Seite Lässigkeit im Sinne von Unbekümmertheit, Zwanglosigkeit und ein cooler Umgang mit einer neuen Sache oder Situation. Nachlässigkeit ist das Synonym für Achtlosigkeit, Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit. Beide Antipoden beim Homeoffice, sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer, bewegen sich zwischen diesen Begriffen und beziehen dabei einen Standpunkt.

Durchschnitt ist gut!

Eine Erkenntnis dieser neuen Zeit ist, dass in der Schnelllebigkeit neue Impulse nicht auf der Nulllinie eines Oszillografen erstrebenswert sind. Die Balance, der Durchschnitt an der Nulllinie zwischen den einzelnen Ausschlägen ist der Puls des Lebens. Es lebe der Durchschnitt!

In diesem Sinne: Frohes balancieren!

Ein launiges Gespräch darüber zoome ich beim Homeoffice Kongress vom 11.-15.12.2020 unter https://homeoffice-kongress.com/.

 

 

 

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