Der Tod ist das neue Tabu

Wie eine Gesellschaft, die jung und schön bleiben will, das Sterben verlernt hat – und was dabei in die Lücke drängt

Ein Sarg zum Probeliegen. Ein Jahrmarktsautomat mit der Aufschrift „Schlag den Tod“. Urnen als kleinstes Tinyhaus der Welt. Auf der Messe „Leben und Tod“ in Bremen wurde sichtbar, was viele im Alltag verdrängen: Der Tod hat seinen festen Platz verloren. Und wo alte Rituale verschwinden, entstehen neue – manchmal berührend, manchmal bizarr. 

Ein Blick auf eine Gesellschaft zwischen Verdrängung, Sehnsucht und kreativer Überforderung.

Warum wirken viele Angebote rund um Trauer heute so seltsam?

Weil wir nicht mehr wissen, wie das geht. Trauern, meine ich. Früher war das geregelt, ohne dass jemand groß darüber nachdenken musste. Trauerjahr, schwarze Kleidung, die Nachbarin, die ohne Ankündigung mit Kuchen vor der Tür stand, der Pfarrer, der den richtigen Bibelvers kannte. 

Die Form trug den Schmerz — das war ihre eigentliche Funktion, auch wenn niemand sie so genannt hätte.

Als Jugendlicher habe ich als Organist auf vielen Beerdigungen gespielt und dabei Tote gesehen. Ich kenne auch das Ritual, dass nach dem Tod das Fenster geöffnet wurde, damit die Seele aufsteigen kann. Damals fand ich das selbstverständlich. Heute verstehe ich, was es leistete. Es gab den Händen etwas zu tun, wenn der Kopf leer war — eine Handlung dort, wo sonst nur Ohnmacht gewesen wäre.

 

Diese Formen sind weitgehend verschwunden, die Gefühle aber nicht. Was auf der Messe in Bremen zu sehen war — Channelmedien für Jenseitkontakte, Fimo-Handabdrücke als Erinnerungsstücke, ein Lastenrad für den Sargtransport, „Reerdigung“, bei der der Leichnam innerhalb von 40 Tagen in einem speziellen Kokon durch Mikroorganismen in Humus verwandelt wird, individuell gestaltete Tiere aus Kleidung geliebter Menschen — klingt schräg, ist aber der ehrliche Versuch, eine Lücke zu füllen, die wir selbst gerissen haben. Der Markt reagiert immer schneller als die Kultur. Das war schon immer so, nur selten so sichtbar.

Haben wir den Umgang mit dem Tod wirklich verlernt?

Ich sage das ohne jeden Vorwurf, weil ich selbst weiß, wie sich das anfühlt: Als junger Mann habe ich bei einem Autounfall erste Hilfe geleistet. Vergeblich. Man steht danach nicht einfach auf, schüttelt sich und macht weiter — zumindest sollte man das nicht. Aber genau das wird erwartet. Funktionieren, weitermachen, nicht zu lange innehalten.

Ganze Generationen sind in Deutschland aufgewachsen, ohne Krieg, ohne Tote in der Nachbarschaft, ohne die stille Selbstverständlichkeit, mit der Sterben früher zum Alltag gehörte. Der Tod wurde outgesourct — an Krankenhäuser, Pflegeheime, Bestatter — professionell, hygienisch, unsichtbar. 

 

Gleichzeitig verkaufen uns Influencer Longevity-Protokolle und Anti-Aging-Versprechen, als wäre Vergänglichkeit ein Designfehler, der sich mit dem richtigen Supplement beheben lässt. Der Ukrainerieg hat das alles mit einem Schlag verschoben. Plötzlich ist das Verdrängte wieder nah, nicht als philosophisches Konzept, sondern als Nachricht, als Zahl, als Name.

Warum macht ein Sarg manchen Menschen so viel Angst?

Der Sarg kann wirklich nichts dafür. Er ist Holz, Stoff, Beschläge — so neutral wie ein Schrank. Und trotzdem reagieren viele darauf, als wäre er selbst der Tod, als könnten seine Wände einen festhalten.

Der Tod hat ein Gesicht, und er ist stiller als sein Ruf. Wer ihn nie gesehen hat, weil die Gesellschaft ihn sorgfältig hinter verschlossenen Türen hält, dem bleibt nur die Projektion — der Sarg als Symbol für alles, was sich der Kontrolle entzieht. Darum geht es eigentlich: nicht um den Tod an sich, sondern um die Urangst, das eigene Ende nicht selbst gestalten zu können. 

Oscar Wilde hat das in Das Bildnis des Dorian Gray bis zur bitteren Pointe durchgespielt, und die Fantasie von ewiger Jugend und unendlicher Zeit funktioniert bis heute so gut, weil die Angst dahinter dieselbe geblieben ist.

Was passiert mit einer Gesellschaft, die den Tod aus dem Leben verbannt?

Sie verliert einen Kompass — ganz konkret, nicht im übertragenen Sinne. Der Tod gibt dem Leben seine Dringlichkeit, und wer das verdrängt, trifft andere Entscheidungen: schiebt auf, bleibt an der Oberfläche, vermeidet echte Festlegungen, weil die Zeit ja noch reicht.

Ich war dabei, als meine Mutter ihren letzten Atemzug machte. Was in diesem Moment passiert, lässt sich nicht in Worte fassen, und ich werde es auch nicht versuchen. Was bleibt, ist Demut — die stille, unverhandelbare Erkenntnis, dass das hier ernst ist. Nicht schwer, nicht traurig, aber ernst. Wer diese Erfahrung nie gemacht hat, dem fehlt etwas, das sich durch keinen Podcast und keinen Workshop ersetzen lässt.

Gesellschaftlich führt das zu einer Resilienz, die auf dem Papier steht, aber im Ernstfall nicht trägt.

Was wäre zurückzugewinnen?

Nicht das Trauerjahr, nicht die schwarze Kleidung — aber das Prinzip dahinter. Rituale geben Gefühlen eine Form, und das ist keine religiöse These, sondern schlichte Psychologie. Das offene Fenster nach dem Tod war kein Aberglaube, es war eine Handlung, die dem Schmerz Struktur gab, und wir brauchen neue solche Handlungen. Eigene, passende, zeitgemäße — aber wir brauchen sie.

Dazu gehört, dass wir wieder lernen, über den Tod zu reden, bevor er passiert. In Familien, in Schulen, in Unternehmen — ja, auch dort sterben Menschen, und die übliche Reaktion ist eine kurze Schweigeminute, dann Tagesordnung. Trauer ist kein Betriebsunfall, sondern ein Hinweis auf Bindung, auf Bedeutung, auf das, was wirklich wichtig war. Der Konflikt mit der eigenen Endlichkeit ist der schärfste Weckruf, den das Leben kennt — und einer, den man nicht delegieren kann.

Der Boxautomat auf der Messe mit der Aufschrift „Schlag den Tod“ hat mich nicht zum Lachen gebracht. Er hat mich nachdenklich gemacht, weil er so ehrlich verzweifelt ist. 

Vielleicht ist genau das der richtige Ausgangspunkt.

 

Messe & Fachkongress LEBEN UND TOD

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