Dritter Mitarbeiter heute. Derselbe Satz. Dieselbe Erwartung im Blick.
Als InhaberIn mit 100 Mitarbeitern läuft gerade eine stille Welle durch den Betrieb. Die Energiepreispauschale ist in aller Munde — und plötzlich stehe ich vor einer Rechnung, die ich so nicht eingeplant hatte: 100.000 Euro. Aus einer Kasse, die ohnehin nicht üppig gefüllt ist.
Was jetzt passiert, ist kein Lohngespräch. Das ist ein Konflikt.
Wie bei den meisten Konflikten geht es auf den zweiten Blick um etwas ganz anderes als ums Geld.
Ich zeige euch, wie ich das mit meinem Konfliktsystem durchdenke — bevor ich auch nur einen Satz sage.
Schritt 1: Was steckt wirklich dahinter?
Mein erster Impuls ist Ärger. Ich fühle mich unter Druck gesetzt — und das mag ich nicht. Also halte ich kurz inne und frage mich: Welches Bedürfnis ist hier gerade getriggert?
Bei mir ist es Sicherheit. 100.000 Euro treffen die Liquidität real. Und gleichzeitig noch etwas anderes: Ich will ein fairer Chef sein. Einer, dem seine Leute vertrauen. Wenn ich Nein sage — was denken die dann über mich?
Zwei leere Bedürfnisse auf einmal. Deshalb trifft mich das so.
Und beim Mitarbeiter? Auch Sicherheit. Die Preise steigen, er spürt das täglich. Die Prämie ist für ihn kein Bonus — das ist Ausgleich für echten Druck.
Wir kämpfen also beide um dasselbe Bedürfnis. Mit unterschiedlichen Mitteln. Das ist die eigentliche Herausforderung in diesem Gespräch.
Schritt 2: Raus aus dem Kampf
Er kommt nicht laut — aber mit einer Erwartungshaltung, die keinen Spielraum lässt. «Kriege ich die auch?» ist keine Frage. Das ist eine Forderung in Frageform.
Wenn ich jetzt mit Zahlen und Kostenlage kontern, verliere ich. Nicht weil meine Argumente falsch wären — sondern weil Argumente gegen emotionale Erwartungen nicht landen.
Das ist wie gegen eine Wand reden, die nickt.
Also steuere ich die Situation bewusst um. Weg vom Kampf, hin zu einem geregelten Gespräch.
«Lass uns das in Ruhe besprechen. Nicht hier, nicht jetzt zwischen Tür und Angel. Morgen früh, zehn Minuten, mein Büro.» Oder auch als kurze Mitarbeiterversammlung, damit alle auf dem gleichen Stand sind.
Zeit gewonnen. Und dem Mitarbeiter das Signal: Ich nehme das ernst.
Schritt 3: Was will ich wirklich?
Bevor ich ins Gespräch gehe, trenne ich sauber: Mein offenes Ziel: Keine Zusage machen, die ich nicht halten kann.
Mein verborgenes Ziel: Als fairer Chef dastehen. Die Stimmung im Team nicht kippen lassen. Und genau das ist die Gefahr — denn dieses verborgene Ziel könnte mich zu einer Zusage verleiten, die ich später bereue.
Gleichzeitig erkenne ich: Beim Mitarbeiter geht es nicht nur um 1.000 Euro. Es geht darum, gehört zu werden. Wahrgenommen zu werden. Das ist der eigentliche Hebel — und der kostet mich nichts.
Schritt 4: Der erste Satz entscheidet
Ich schreibe ihn auf. Wörtlich. Und lerne ihn auswendig.
«Ich verstehe, dass dich das beschäftigt — mich übrigens auch. Ich möchte das fair angehen und nicht aus dem Bauch heraus entscheiden. Darf ich dir morgen früh sagen, wie ich damit umgehe?»
Kein Ja. Kein Nein. Kein Argument. Nur die Botschaft: Ich nehme dich ernst, und du bekommst eine klare Antwort.
Das nimmt den Druck raus. Aus der Situation — und aus mir.
Schritt 5: Wenn er drückt
Er/sie sagt: «Andere Betriebe zahlen das aber.»
Das ist mein wunder Punkt. Vergleiche, die nicht passen — da bin ich schnell auf Puls 180. Ich merke es am Hitzegefühl im Nacken.
Kurz durchatmen. Er sagt das nicht um zu provozieren. Er hat gehört, dass anderswo gezahlt wird — und weiß nicht, wie es bei uns steht. Das ist kein Angriff. Das ist Verunsicherung.
Meine Antwort: «Das kann ich verstehen. Ich schau mir das genau an und erkläre dir dann, wie die Lage bei uns ist.»
Keine Rechtfertigung. Kein Gegenangriff. Nur Sachlichkeit — und die Tür bleibt offen.
Schritt 6: Verbindlich enden
Morgen früh, 8 Uhr. Ich bereite zwei Szenarien vor.
Wenn ich zahlen kann — auch wenn es wehtut: «Ich habe entschieden, die Prämie zu zahlen. Nicht weil ich muss — sondern weil mir wichtig ist, dass ihr wisst, dass ich euch verstehe.»
Wenn es die Firma gefährdet: «Ich kann die 1.000 Euro gerade nicht zahlen. Das sage ich dir offen — weil du das verdient hast. Was ich tun kann, ist folgendes…»
Und dann etwas Konkretes. Kein leeres Versprechen. Aber ein Zeichen.
Am Ende des Gesprächs, egal wie es ausgeht: Wer macht was bis wann. Ein klares Ergebnis — kein offenes Ende das wieder schwelt.
Was ich dabei gelernt habe
Die 1.000 Euro sind nicht das eigentliche Problem.
Das Problem ist, dass 100 Menschen das Gefühl bekommen könnten, ihr Chef denkt nicht an sie. Das ist demotivierend— auf beiden Seiten. Das lässt sich nicht immer mit Geld füllen. Aber immer mit Ehrlichkeit.
Wer als Chef in solchen Situationen schweigt, vertagt, ausweicht — der sammelt Rabattmarken. Irgendwann ist das Heft voll. Und dann wird nicht über die Prämie geredet.
Dann geht es um alles.
Besser: jetzt reden. Klar. Direkt. Mit Haltung.
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Christoph Maria Michalski
Experte bei Sat1 Frühstücksfernsehen und ARD-BRISANT
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Experte FOCUS online mit 7 Millionen Zugriffen
Interview WDR Redezeit- Neugier genügt
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30.10.2025




