Warum digitale Propheten Klavier spielen sollten

„Wir müssen unsere Customer Journey updaten …


Ohne Algorithmen geht es nicht mehr. Wir sollten schauen, dass unsere Prozesse verschlankt werden und alles lean und agil ablaufen kann … Ohne KI geht bald gar nichts mehr, da müssen wir aufrüsten!“

Kommt Ihnen das bekannt vor? Klare Sache: Die Digitalisierung bringt unweigerlich große Umbrüche mit sich. Wer auch in Zukunft am Markt die Nase vorn haben möchte, kann es sich nicht leisten, in alten Mustern zu verharren. Was viele übereifrige Führungskräfte und Vorstände dabei jedoch übersehen: Übereilter Aktionismus und Changemanagement auf Teufel komm raus geht in den seltensten Fällen gut. Und nach anfänglicher Begeisterung blicken Sie überall in lange Gesichter, weil es mit der Umsetzung einfach nicht so reibungslos klappen will. Vielerorts wird dann der Changeberater vor die Tür gesetzt und ein neuer Heilsbringer gesucht, der das Unternehmen in eine glorreiche Zukunft führen soll.

Digitalisierung Anno 1983

Auch, wenn alle vor dem Begriff erschaudern: eigentlich ist die Sache mit der Digitalisierung nicht neu. Ich habe sie schon mal mitgemacht. Nach zehn Jahren Klavierunterricht kaufte ich mir 1983 einen Synthesizer – den Yamaha DX-7. Eine Sensation nach dem analogen Moog-Modell! Ich fand es damals wahnsinnig spannend, welche neuen Möglichkeiten sich damit auftaten. Und so machte ich mich auf die Reise der Elektrifizierung meiner künstlerischen Fähigkeiten. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich, um ein solches Gerät sinnvoll bedienen zu können, natürlich das Handwerk des Klavierspielens beherrschen musste.

Mit anderen Worten: Eine digitale Transformation setzt Grundlagen voraus! Depeche Mode wären sicherlich nicht zu den Synthie-Pop-Ikonen geworden, wenn keiner der Jungs in seiner Jugend das Handwerk am Klavier gelernt hätte. Und das gleiche gilt auch für Unternehmen: Glauben Sie, Apple wäre heute Apple, wenn hinter der Fassade alles Kraut und Rüben wäre? Firmen müssen ihr Handwerkszeug beherrschen, bevor sie die digitale Transformation anstreben. Das heißt, die Führung muss klar geregelt sein. Werte, Markenkern und Zielgruppe sind klar definiert und der Vertrieb macht schlagkräftig seinen Job. Nur wenn das alles gegeben ist, kann im nächsten Schritt eine wahrhaftige Klangexplosion entstehen.

Kenntnisse statt heiße Luft

Das gilt übrigens nicht nur für die Weiterentwicklung von Unternehmen und die Komposition von fetzigen Musikstücken, sondern auch für die selbsternannten „Digitalisierungs-Gurus“, die in Funk, Fernsehen und auf Kongressen ihr Unwesen treiben. Ohne mit der Wimper zu zucken, machen sie uns düsterste Prophezeiungen. Schon bald werden wir nur noch Sklaven der Maschinen sein und Computer die Macht übernommen haben. Mindestens. Das Interessante dabei: Nicht wenige dieser neuzeitlichen apokalyptischen Reiter lassen in ihrer Biographie tief blicken – und jegliche IT-Kenntnisse vermissen. Und trotzdem fühlen sie sich berufen, über die Digitalisierung und deren Folgen zu predigen. Das ist ungefähr so, als würde ich Schwangerschaftsrückbildungsgymnastik anbieten – bloß, weil ich ausgebildeter Bewegungslehrer bin. Wie heißt es so schön im Volksmund: Knapp vorbei ist auch daneben. Und doch gibt es immer noch genug Dumme, die dennoch auf diese analogen Blasebälge reinfallen und am Ende für ihr Geld nichts bekommen – außer viel heiße Luft.

Für mich steht fest: Keine Klavierkenntnisse – keine Transformation. Stoßen Sie sich nicht den Kopf an meinen Denkanstößen!