Tag der Deutschen Einheit – alles bloß florale Fakes?!

Die Wiedervereinigung sollte den Osten in "blühende Landschaften"​ verwandeln. Was ist heute, 29 Jahre später, davon übrig? Wie wir meiner Ansicht nach mit dem Ost-West-Konflikt umgehen und worüber wir uns anlässlich des Tags der Deutschen Einheit Gedanken machen sollten, lesen Sie in meinem neuen Artikel.


Morgen ist es wieder soweit: Der Tag der Deutschen Einheit jährt sich zum 29. Mal. Warum ich mich dieses Themas annehme? Weil ich es für die Zukunft unserer demokratischen Gesellschaft für unabdingbar halte, dass Teilung und Wiedervereinigung nicht in Vergessenheit geraten. Ich habe den Eindruck, dass der 3. Oktober für die Generation Z und noch Jüngere in erster Linie „nur“ noch ein willkommener arbeitsfreier Tag ist, der sich durch seine strategisch günstige Position dieses Jahr im Kalender charmanterweise zum langen Wochenende ausbauen lässt. Das halte ich, gerade mit Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen in den „neuen Bundesländern“, für sehr gefährlich.

Warum ausgerechnet ich glaube, über dieses Thema berichten zu können? Weil ich es selbst miterlebt habe. Als Abiturient habe ich die Willkür an den Grenzübergängen zu spüren bekommen. Auf der Reise nach Sonneberg wurde ich nach stundenlangem Warten bis auf die Unterhose gefilzt – selbst mein Rasierapparat wurde in alle Einzelteile zerlegt. Das muss man sich mal vorstellen … dagegen sind die Kontrollen an Flughäfen heute lachhaft! Am Wochenende nach der Grenzöffnung bin ich nach Berlin gefahren, da für mich klar war: Dort passiert etwas Großes. Ich wollte dabei sein, die Aufbruchsstimmung und gewissermaßen den „Wind of Change“ selbst erleben. 

Ohne Kampf, dafür mit Krampf

Aus meiner Sicht ist die Wiedervereinigung Deutschlands ein historisches Ereignis von enormer Tragweite. Denn sie ist das Ergebnis einer größtenteils friedlichen Revolution. Mir ist natürlich bewusst, dass viele persönliche Schicksale eine andere Sprache sprechen. Menschen, die bei Fluchtversuchen ihr Leben gelassen haben. Familien, die auseinandergerissen wurden und Menschen, die ihre Werte verloren haben und ein Leben, wie sie es vorher kannten. Und dennoch: Im Großen und Ganzen ging es ohne großes Blutvergießen. Ohne Kampf, dafür aber mit Krampf.

Und heute? Was ist in den vergangenen 29 Jahren passiert? Ich bin in dieser Zeit häufig im ehemaligen Osten gewesen. Zuerst besuchten wir mit der Familie etwa einmal im Monat Freunde und Verwandte in Ueckermünde. Ich habe selbst mehrere Jahre in Mecklenburg-Vorpommern gelebt. Habe in Rostock und Neubrandenburg gearbeitet und konnte so die innere Zerrissenheit der Menschen selbst miterleben.

Die älteren Semester unter Ihnen werden sich bestimmt noch an die Fernsehansprache von Helmut Kohl am 1. Juli 1990 erinnern, anlässlich des Inkrafttretens der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Seiner Ansicht nach war es dieser Schritt, der die Chance und die Gewähr dafür böte, dass sich die Lebensbedingungen im Osten rasch und durchgreifend bessern würden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir folgende Aussage: „Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.“ 

Anpacken statt hinnehmen!

Sorry, aber die versprochenen „blühenden Landschaften“ haben sich eindeutig als floraler Fake herausgestellt. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht trotzdem noch Realität werden können! Ich glaube, dass wir alle etwas von der Geschwindigkeit überrannt worden sind, mit der die Wiedervereinigung auf einmal Realität wurde. Konfliktlösung bedeutet nun mal nicht, ein Pflaster zu kleben und dann ist alles wieder gut. Dinge lassen sich wieder komplettieren und in Ordnung bringen, doch dafür braucht es Mut – und Menschen, die ins Handeln kommen. Zu jammern, dass im Osten alles so schlecht ist, bringt keinen weiter. Ebenso wenig die Wahl dubioser Parteien, die eine scheinbare „Alternative“ bieten … Mein bescheidener Wunsch: Die Nörgler gehen bitte in den Keller – und die Zufriedenen machen stattdessen mal den Mund auf! Erzählt nachfolgenden Generationen, was passiert ist, wie es sich anfühlte. Und vor allem, was getan wurde, um die Kluft zu überwinden. Damit die Faust auch heute wieder zur offenen Hand wird, um ein umfassendes Miteinander möglich zu machen.

Noch nicht genug? Mein Video zum Thema können Sie hier ansehen!