Enteignungsdebatte um Juso-Kevin: Tötet nicht den Überbringer der Botschaft!

Wer es nicht mitbekommen hat, lebt entweder hinter dem Mond – oder in einem der berüchtigten Funklöcher, die Deutschland im internationalen Vergleich immer wieder zum Gespött machen. Fakt ist: Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert hat mit seiner Kritik einen Nerv getroffen. Er schlägt locker-flockig die Kollektivierung großer Unternehmen vor – was für viele der Abschaffung der sozialen Marktwirtschaft gleichkommt. Die Folge: #Aufschrei, und zwar im ganz großen Stil. Ein unglaublich spannendes Phänomen, wenn Sie mich fragen. Natürlich kann man von dem jungen Politiker halten, was man möchte. Doch darum geht es eigentlich gar nicht. Viel entscheidender ist die Idee, die er an die Oberfläche gespült hat. Hier gibt es kein einfaches „Ja“ oder „Nein“ – sondern mindestens so viele Meinungen, wie sich Menschen in die Debatte einmischen. Doch anstatt die Idee mit sachlichen Argumenten zu stützen oder zu demontieren, wird Kühnert vielfach aufs schärfste persönlich attackiert: Er sei ein „ewiger Student“, der sich nie die Hände schmutzig gemacht hat; der nie erfahren habe, was es bedeute, in einer Berliner Fabrik in der DDR zu schuften …

Kühnert als sozialistischer Lagerfeld

Kommt Ihnen dieses Verhalten nicht irgendwie bekannt vor? Ähnliche Stimmen werden laut, wenn alljährlich in den Mode-Metropolen der Welt die neuste Haute Couture vorgestellt wird. Auf der einen Seite entzückte Aufschreie und Lob für die Genialität eines Designers – und auf der anderen Seite Verrisse. „Was hat sich der Typ dabei gedacht? So kann doch keiner auf die Straße gehen!“, „Unmöglich! Das kann man bestenfalls kleinen Kindern anziehen, aber keinen erwachsenen Männern …“ Was viele dabei übersehen: Die vorgestellte Mode wird niemals so in den Läden hängen. Bei den Schauen geht es vor allem darum, Trends, Entwicklungen und Accessoires zu zeigen. Um etwas anzudeuten, was später in Teilen seinen Weg in die Prêt-à-porter-Modelle finden wird. Es geht darum, sich als Designer darzustellen und die Diskussion anzuregen. Und auf solch einem politischen Laufsteg bewegt sich Kevin Kühnert. Über den Kern seiner Aussage, dass die Reichtumsschere immer weiter auseinanderklafft, herrscht überwiegender Konsens. Statistiken belegen schwarz auf weiß, dass heute mehr Menschen denn je im Niedriglohnsektor beschäftigt sind und kaum über die Runden kommen – trotz des beeindruckenden Wirtschaftsbooms der letzten zehn Jahre. Daher halte ich diese Debatte auch für absolut sinnvoll. Doch wie ist damit umzugehen? Hier gibt es unzählige Modelle, Pläne, Ideen und Utopien …

Trennung von Sache und Person

Sicherlich wird diese Debatte noch eine ganze Weile toben, denn keiner der Beteiligten wird sich leicht überzeugen lassen und von seinem Standpunkt abweichen. Hinzu kommt: Ein politischer Diskurs kann nur dann eine gesellschaftliche Weiterentwicklung fördern, wenn bei diesen Konflikten die Grundessenz herausgefiltert wird und man zwischen Sache und Person unterscheidet. Was anderenfalls passiert, hat uns die Geschichte schon oft genug gelehrt: Es geht dem Überbringer schlechter Nachrichten an den Kragen. So musste der Bote sterben, der König David über den Tod von König Saul bei der Schlacht am Berg Gilboa informierte. Und ebenso erging es dem armen Überbringer, der Moctezuma über die Ankunft des Spaniers Hernán Cortés ins Bilde setzte. In der Psychologie spricht man hier von „spontaner Merkmalsübertragung“. Kevin Kühnert sollte sich also besser nach einem guten Personenschutz umsehen …

Sicherlich waren Kühnerts Äußerungen in der Öffentlichkeit polarisierend. Doch ihn deswegen anzuprangern, bringt in der Debatte niemanden weiter. Im Fokus sollte immer die Sache stehen – und nicht der individuelle Kommunikationsstil, mit dem sie vorgetragen wurde. Oder fahren Sie etwa den Bettler auf der Straße an, der Sie mit „Haste mal ne Kippe …“ adressiert? Sicherlich halten Sie ihm keine Standpauke, weil Ihnen sein Aussehen nicht gefällt. Und genauso wenig fordern Sie ihn wahrscheinlich auf, sich doch bitte mal gewählter auszudrücken und sich eine Arbeit zu suchen, um selbst für seine Zigaretten zahlen zu können. Was ich damit sagen möchte: Trennt die Idee von der Überbringung der Botschaft – und verurteilt nicht den Boten!

Noch nicht genug? Hier gibt’s das Video zum Thema!