Warum scheint plötzlich jeder Erwachsene ADHS zu haben – ist das die neue Trenddiagnose?
Früher hieß es: „Reiß dich zusammen.“ Heute: „Ich hab wohl ADHS.“ Was ist passiert? Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen ist explodiert. Podcasts, TikToks, Insta-Selbsttests – überall heißt es: „Wenn du dich in diesen zehn Punkten wiedererkennst, hast du wahrscheinlich auch ADHS.“ Mal ehrlich: Wer tut das nicht?
Und genau da wird’s spannend. Zwischen echter neurologischer Störung und ganz normaler Überforderung liegt oft nur ein hauchdünner Vorhang. Der Zeitgeist liebt Etiketten, die entlasten. Und ADHS ist ein verdammt praktisches Etikett: Es entschuldigt das kreative Chaos, die verpasste Deadline, die impulsive Mail. Es sagt: „Ich bin nicht unzuverlässig – ich bin einfach neurodivers.“
Erinnert dich das an was? Genau – an diese Allzweck-Labels wie Narzissmus oder Hochbegabung. Früher war man schwierig, heute ist man „intensiv“. Früher Außenseiter, heute „anders verdrahtet“.
Aber steckt da wirklich eine Störung dahinter – oder einfach das ganz normale Menschsein in einer überreizten Welt?
Was ist echtes ADHS – und wo fängt die Selbstrechtfertigung an?
ADHS ist real. Die Forschung kennt die Diagnose: anhaltende Konzentrationsprobleme, Impulsivität, Desorganisation – massiv, belastend, über Jahre hinweg. Das erkennt man nicht an einem TikTok-Clip. Sondern in einer sauberen Diagnose mit Anamnese, Tests, Gesprächen. Kurz: Handwerk, nicht Hashtag.
Trotzdem fühlen sich viele heute „irgendwie ADHSig“. Kein Wunder – Multitasking, ständige Reizüberflutung, digitaler Dauerbeschuss machen uns alle flatterhaft. Aber: Das ist noch keine Krankheit. Viele greifen trotzdem zum Label. Warum? Weil’s endlich ein Wort gibt für dieses Gefühl, nicht zu passen.
Aber was, wenn es gar nicht zutrifft? Dann wird’s zum Schutzschild.
„Ich kann nicht anders“ klingt sanft – aber heißt auch: „Ich muss nix ändern.“
Ist ADHS auch ein soziales Schutzschild – wie Mobbing, Narzissmus oder Hochbegabung?
„Ich hab ADHS“ – das schafft Identität. Und oft auch: einen Schuldigen. Nicht ich bin anstrengend – mein Gehirn ist es. Und andere müssen das bitte respektieren. Klingt erstmal nach Selbstakzeptanz – kann aber auch Selbstvermeidung sein.
Viele Begriffe werden heute inflationär benutzt: Wer dominant ist, ist „narzisstisch“. Wer kritisiert wird, ist „gemobbt“. Wer sich langweilt, ist „hochbegabt“. Diese Labels entlasten – aber sie verhindern Entwicklung.
ADHS reiht sich da ein. Irgendwann wird’s zur Erklärung für alles. „Ich hasse Regeln“ – ADHS. „Ich verlaufe mich in Gedanken“ – ADHS. „Ich mag keine Gruppenarbeit“ – auch ADHS? Oder vielleicht einfach:
Ich brauche Struktur. Und Klarheit. Und ein bisschen Mut zur unbequemen Selbsterkenntnis.
Wer profitiert von der ADHS-Diagnose – und wem schadet sie?
Der Markt boomt: Coaches, Apps, Medikamente, Selbsthilfegruppen. Für echte Betroffene ist das Gold wert. Aber wo Geld fließt, fließt auch Unsinn. Influencer, die aus jeder Macke Content machen. Pharmafirmen, die aus Reizbarkeit ein Produktversprechen bauen.
Und was ist mit dem Job? Der Bewerbung? Der Beziehung? „Ich hab ADHS“ kann Türen öffnen – oder sie leise zufallen lassen. Noch riskanter: Wer sich einmal so definiert, beginnt oft, sich auch so zu verhalten. Etikett wird Identität.
Wie erkennt man, ob man sich gerade selbst täuscht?
Ganz ehrlich: Will ich verstehen, was los ist – oder will ich mich rausreden? Nicht jedes Stolpern im Alltag braucht eine Diagnose. Vielleicht ist mein Leben einfach zu voll. Mein Job nicht meiner. Meine Energie am Limit.
Die Linie zwischen ehrlicher Diagnose und bequemem Selbstbetrug verläuft da, wo ich aufhöre zu fragen. „Ich hab ADHS“ – und Schluss. Oder: „Ich hab ADHS – und jetzt?“
Der Unterschied macht alles. Manchmal hilft der Spiegel mehr als jede Diagnose.
Die Frage lautet nicht: „Was hab ich?“ Sondern: „Was will ich verändern?“
Was wäre ein ehrlicher Umgang mit mentaler Erschöpfung, Konzentrationsschwäche und Frust?
Ja, man darf müde sein. Überfordert. Ausgelaugt. Aber nicht jede Schräglage im Kopf braucht ein Krankheitslabel. Manchmal reicht eine gute Entscheidung. Ein Gespräch. Eine Pause.
Manchmal ist das Problem nicht in mir – sondern um mich herum. Zuviel Input, zu wenig Ruhe. Zuviel Druck, zu wenig Sinn. Vielleicht braucht’s keine Diagnose – sondern ein anderes Umfeld. Oder den Mut, mal laut zu sagen: „So will ich nicht mehr weitermachen.“
Wer sich selbst nur erklärt, bleibt stehen. Wer sich selbst versteht – um was zu verändern – bewegt was.
Von der ADHS-Diagnose zur Verantwortung
ADHS ist echt. Für viele eine Last – und eine Erleichterung, wenn sie endlich verstehen, warum ihr Leben so ruckelt. Aber eine Diagnose ist kein Lebenskonzept. Kein Schild. Kein Freifahrtschein. Sie ist ein Werkzeug.
Manchmal braucht es keinen Namen für das Chaos im Kopf. Sondern einen klaren Blick. Und ein bisschen mehr Mut zur eigenen Wahrheit.
_______________________________________________________________________
Christoph Maria Michalski
Experte bei Sat1 Frühstücksfernsehen und ARD-BRISANT
Amazon Bestseller #1 bestellen Streiten mit System: Wie du lernst, Konflikte zu lieben
Experte FOCUS online mit 5 Millionen Zugriffen
Berater mit einer virtuellen Tour HIER
Diplom-Rhythmiklehrer
Diplom-Pädagoge Erwachsenenbildung und
MSc in IKT-Management
Kurzvita
Barkhausener Str. 97
49328 Melle bei Osnabrück
03.08.2025




